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Coronakrise treibt Arbeitnehmer aus der privaten Krankenversicherung

In der Vollversicherung verlieren die PKV-Anbieter seit 2012 Jahr um Jahr Kunden. Dennoch bleibt vor allem ein bestimmter Zusatztarif attraktiv.

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Die private Krankenversicherung bietet individuelle Leistungen, hat aber ihren Preis.(Foto: dpa)

Frankfurt. Die private Krankenversicherung (PKV) steht in der Coronakrise vor großen Herausforderungen. Vor allem das Geschäft mit der Krankenvollversicherung schwächelt. Wachstumschancen sieht die Ratingagentur Assekurata jedoch bei der betrieblichen Krankenversicherung und der Pflegevorsorge.

Die Mehrheit der Deutschen ist in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) versichert. Etwa 8,7 Millionen Menschen haben jedoch eine Krankenvollversicherung bei einem privaten Anbieter abgeschlossen, wie aus Zahlen des PKV-Verbands hervorgeht.

Das sind in der Regel Beamte, Selbstständige oder gut verdienende Arbeitnehmer. Private Zusatzversicherungen nutzen hingegen deutlich mehr Menschen. Insgesamt haben die Versicherer 26,5 Millionen Policen im Bestand. Besonders beliebt sind dabei Zahnzusatztarife.

In der Vollversicherung verlieren die PKV-Anbieter seit 2012 Jahr um Jahr Kunden, auch wenn sich der Trend 2019 etwas abschwächte: Im sogenannten Beihilfegeschäft stieg die Zahl der Versicherten netto um 1,5 Prozent.

Darunter fallen vor allem Beamte: Sie bekommen von ihren Dienstherren eine Beihilfe, wodurch sie nur noch für einen kleineren Teil der Gesundheitskosten eine private Krankenversicherung abschließen müssen. Im Normalgeschäft mussten die PKV-Anbieter dagegen einen Bestandsverlust von 1,6 Prozent hinnehmen.

Verunsicherte Kunden

Gerhard Reichl, Fachkoordinator für Krankenversicherung bei Assekurata, geht davon aus, dass die Versicherer während der Corona-Pandemie zumindest im Normalgeschäft weiterhin Kunden verlieren: „Wir rechnen damit, dass mehr PKV-Versicherte versuchen werden, in die gesetzliche Krankenversicherung zu wechseln. Einige Selbstständige werden sich eine Festanstellung suchen, manche Arbeitnehmer künftig weniger verdienen oder sogar arbeitslos werden – sodass dann wieder eine Versicherungspflicht in der GKV entsteht“, erläutert er.

Bereits vor der Viruskrise seien potenzielle Kunden verunsichert gewesen, ob die private Krankenversicherung angesichts der niedrigen Zinsen und der steigenden Gesundheitskosten im Rentenalter noch bezahlbar ist.

Das ist eine Einschätzung, die Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen teilt: „Unabhängig von der Coronakrise kommen regelmäßig ältere Menschen zu unseren Beratungen, die die Beiträge ihrer privaten Krankenversicherung nicht mehr zahlen können. Aktuell nehmen aber auch die Anfragen von jüngeren Leuten zu, die gerne in die gesetzliche Krankenversicherung zurückwechseln wollen.“

Dementsprechend schlecht ist auch das Stimmungsbild der Krankenversicherer, wie eine Umfrage von Assekurata ergeben hat. Von elf Gesellschaften, auf die ein Marktanteil von rund 47 Prozent entfällt, bewertet nur eine einzige die derzeitige Geschäftslage in der Vollversicherung positiv. Die künftigen Geschäftserwartungen in diesem Geschäftszweig sehen nur zwei Unternehmen positiv.

Zahntarife als Verkaufsschlager

Wegen der Geschäftsmöglichkeiten, die sich aus den Zusatzversicherungen ergeben, beurteilen die Gesellschaften den Krankenversicherungsmarkt insgesamt aber leicht positiv. Gemessen an der Anzahl der Verträge verbuchte die Branche hier 2019 ein Plus von 2,1 Prozent. Besonders stark konnte dabei die betriebliche Krankenversicherung zulegen.

Ohne dieses Segment hätte der Zuwachs nur 1,7 Prozent betragen. Als „Verkaufsschlager“ unter den Zusatzversicherungen bezeichnet Assekurata zudem die Zahntarife, zu denen die Versicherer mittlerweile 16 Millionen Policen im Bestand haben. Seit 2005 bedeutet dies ein Wachstum von 109 Prozent.

Die Zahl der Pflegezusatzversicherungen stieg in dem Zeitraum zwar sogar um 353 Prozent, allerdings von einem deutlich niedrigeren Niveau. Seit der Einführung des zweiten Pflegestärkungsgesetzes und der Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade im Jahr 2017 ist zudem der Nettozuwachs bei den Pflegezusatzversicherungen deutlich eingebrochen. Ein Grund sieht Assekurata in den Beitragserhöhungen, die jedoch in der Pflegepflichtversicherung noch deutlich höher ausgefallen sind.

Insgesamt konnten die privaten Krankenversicherer das Geschäftsjahr 2019 mit einer positiven Entwicklung abschließen, vor allem dank eines starken Kapitalanlageergebnisses. In der Summe verbesserte sich das Rohergebnis nach Steuern um 0,8 Milliarden auf knapp 5,9 Milliarden Euro. Reichl erwartet jedoch, dass die Kapitalanlage im laufenden Jahr „das Rohergebnis der Unternehmen deutlich nach unten ziehen“ dürfte.

Noch kein Anstieg bei Nicht-Zahlern

Im Versicherungsgeschäft könnten hingegen die Leistungsausgaben sinken, da die Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte in der Coronakrise rückläufig sind - trotz zusätzlicher Belastungen wie etwa die Hygienepauschale und die Beteilung an Mehrkosten von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Auch sei noch nicht geklärt, inwieweit die PKV bei der geplanten Ausweitung der Corona-Tests herangezogen werden soll.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Versicherten, die sich ihre Beiträge nicht mehr leisten konnten und in einen der Sozialtarife der PKV wechseln mussten, relativ konstant geblieben. Noch verzeichnen die Versicherer offenbar keinen gravierenden Anstieg bei den Nichtzahlern oder den Anträgen auf Beitragsstundung.

Reichl begrüßt dennoch die Entscheidung des Gesetzgebers, Krankenversicherten, die nach dem 15. März 2020 hilfsbedürftig wurden und in den Basistarif wechseln mussten, eine Rückkehr in ihren alten Tarif ohne erneute Gesundheitsprüfung zu ermöglichen.

Zugleich fordert er, den Standardtarif für jüngere Versicherte wieder zu öffnen. Diesen Vorschlag unterstützen unter anderem auch der PKV-Verband und der Bund der Versicherten. Bislang können diesen günstigen Sozialtarif nur Versicherte wählen, die vor 2009 in die PKV gewechselt sind. Änderungen sind vom Gesetzgeber offenbar nicht gewollt.

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