Vierte Panne in diesem Jahr

«Die Swisscom hat sehr viel Vertrauen verspielt»

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Die Pannenserie reisst nicht ab. Gestern Dienstag ist zum vierten Mal innert fünf Monaten das Swisscomnetz in weiten Teilen der Schweiz ausgefallen. Man konnte weder über das Mobil-, noch über das Festnetz telefonieren. Vereinzelt waren auch Notrufnummern betroffen. Die Ursache für die gut drei Stunden dauernde Störung wurde bisher nicht kommuniziert. Jon Pult, der Vizepräsident der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats, erwartet von der Spitze des Unternehmens Antworten.

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Jon Pult
Nationalrat (GR/SP)

Der dreisprachige Jon Pult wurde 1984 als schweizerisch-italienischer Doppelbürger in Graubünden geboren. In Chur besuchte er die Primarschule und die Kantonsschule. In Zürich studierte er Allgemeine Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Philosophie. Mit 19 wurde er in den Churer Gemeinderat gewählt und mit 24 wurde er Präsident der SP Graubünden. Von 2010 bis 2018 war er Mitglied des Kantonsparlaments. Im Herbst 2019 wurde er in den Nationalrat gewählt.

SRF News: Schon vier Swisscompannen dieses Jahr – nervt Sie das?

Jon Pult: Es ist mehr als Nerven, es ist Besorgnis. Telekommunikation ist entscheidend. Und wenn auch Notrufnummern betroffen sind, dann ist das ein inakzeptabler Zustand für ein Land wie die Schweiz.

Der Bund ist Mehrheitsaktionär der Swisscom, mit einem 51-Prozent-Anteil. Könnte das Parlament etwas Druck machen?

Ja, und das wird es auch. Wir haben in der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen entschieden, dass wir zur nächsten Sitzung Ende Juni die Swisscomspitze zu einer Anhörung einladen. Wir erwarten, dass sie Red und Antwort steht, Transparenz schafft über die Ursachen der Pannenserie, und auch einen Weg in eine bessere Zukunft ohne solche Netzausfälle aufzeigt.

Bei der SBB hat der Bund durchgegriffen. Wäre das auch hier vorstellbar?

Es ist wichtig, dass die Politik die Verantwortung übernimmt. Die Swisscom ist nicht einfach eine Unternehmung, sondern Teil des schweizerischen Service public. Sie erbringt Grundversorgungsleistungen, bei denen es um Leben und Tod geht. Wenn ich beispielsweise an die Notrufnummern denke: Bei denen sind die Bürgerinnen und Bürger darauf angewiesen, dass sie funktionieren.

Über den gestrigen Ausfall weiss man noch nichts. Das muss bis Ende Juni klar sein.

Einmal eine Panne, das kann es geben. Zweimal, da kann man noch drüber hinwegsehen. Aber bei vier groben Pannen in einem Jahr muss die Politik dafür sorgen, dass sich die Dinge so entwickeln, dass das nicht mehr passiert.

Die Verantwortlichen werden also antraben müssen. Was werden Sie fordern?

Zuerst einmal muss Transparenz über die Ursachen dieser Pannen hergestellt werden. Die früheren Pannen hatten ja verschiedene Ursachen. Einmal wurde von einem Hardwarefehler, einmal von menschlichem Versagen gesprochen. Über den gestrigen Ausfall weiss man noch nichts. Das muss bis Ende Juni klar sein. Gibt es einen Zusammenhang? Gibt es strukturelle, betriebliche Probleme innerhalb der Swisscom? Gibt es technische Probleme, wurden gewisse Bereiche vernachlässigt? Wurde zu viel gespart? Hat man falsche Prioritäten gesetzt? Was muss man ändern, um ein stabileres Netz zu haben?

Hält die Swisscom derzeit die Leistungsvereinbarung mit dem Bund bei der Grundversorgung noch ein?

Formal ist das schwierig zu beurteilen, aber man kann sicherlich sagen: In der Wahrnehmung der Menschen dieses Landes hat die Swisscom sehr viel Vertrauen verspielt. Wir sind es gewohnt, dass die staatsnahen Betriebe wie die Post, die SBB, aber eben auch die Swisscom sichere Werte sind, die uns in unserem Alltag begleiten und uns auch ein gutes Gefühl geben, dass die Dinge in diesem Land funktionieren. Und das Vertrauen muss jetzt schleunigst wieder aufgebaut werden.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.