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Missverstanden? Der Filmemacher Michael Moore

Quelle: Midwestern_Films_LLC_All_rights_reserved

Warum Amerikas Rechte auf einmal Michael Moore liebt

Der neue Film von Michael Moore „Planet of the Humans“ kritisiert die Energiewende, und die Klimaverharmloser jubeln – allerdings zu früh. Es wäre dringend geboten, sich den Film einmal ganz genau anzusehen. Doch jetzt hat YouTube den Film sperren lassen.

Wie konnte das nur geschehen? Michael Moore war doch einmal der Vorkämpfer der Geknechteten, Entrechteten, Geächteten! Der zwei Wall-Street-Banker zum Frühstück, vier Trumpisten zum Mittagsmahl und drei Rassisten zum Abendessen verzehrte. Und nun „Planet of the Humans“, der neuste von ihm produzierte Film! Fox News mag ihn, Klimawandelleugner loben ihn. Fehlt nur noch, dass Donald Trump ihm im nächsten Tweet einen erigierten Daumen spendiert.

Trump könnte den Film allerdings momentan gar nicht ansehen, selbst wenn er wollte. „Planet of the Humans“ ist von YouTube, wo er in den zurückliegenden vier Wochen acht Millionen Mal angeklickt wurde, gesperrt worden. Wussten wir es doch, triumphieren freudig die Neurechten, wieder einmal hat die Medienverschwörung zugeschlagen und uns zensiert!

Jeff Gibbs kopiert Moores Stil

Werfen wir ein paar Blicke in das unterdrückte Werk. Zunächst handelt es sich nicht um einen Original-Moore, sondern um das Regiedebüt des langjährigen Moore-Produzenten Jeff Gibbs, der wie sein Vorbild durch den Film stiefelt und Gesprächspartner schlecht aussehen lässt. Er kopiert Moores Stil, wenn auch weit weniger charismatisch, und er hat zweifellos die Unterstützung seines Mentors, der „Planet“ vertreibt und bewirbt.

Gibbs stellt mit keinem Wort in Frage, dass ein Klimawandel stattfindet. Er streitet überhaupt nicht ab, dass der Wandel von Menschen gemacht wird. Er sieht durchaus die Notwendigkeit, dass die Menschheit dringend etwas unternehmen muss. In diesen drei grundlegenden Fragen hat er also gar nichts mit der Alt-Right zu tun, sie dürfte ihn gar nicht für sich reklamieren. Aber er attackiert das, was man Lebenslügen der Energiewende nennen könnte. Es geht um falsche und richtige Lösungen der Wende.

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Keine Raketen, sondern Windturbinen: Werk in China

Quelle: VCG via Getty Images

Was falsch und was richtig ist, kristallisiert sich natürlich erst allmählich heraus. Inzwischen dürften nicht mehr viele Gibbs widersprechen, wenn er Biomasse als eine Fake-Lösung kritisiert, wie die Kernenergie, die auch mehr Probleme kreiert als sie aus der Welt schafft. Moore hat durchaus ein Ohr am Puls der Leute, wie sich 2016 zeigte, als er als einer der wenigen den Sieg von Donald Trump voraus sagte.

Über Lebenslügen muss man debattieren, doch das Problem von „Planet of the Humans“ besteht darin, dass es alle grünen Alternativen durch die Bank abwatscht. Zum Beispiel zeigt Gibbs ein Feld von Sonnenkollektoren und lässt einen Mann abschätzig kommentieren, damit könne man gerade einen 1200-Watt-Toaster betreiben. Drückt man auf die Stopp-Taste und friert das Bild ein, kann man die Anzahl der Kollektoren zählen, es sind ungefähr 60. Jeder erzeugt ungefähr 300 Watt, macht also nicht 1200 Watt, sondern 18.000.

Der Film ist in vielen Details schlampig und veraltet

Das ist das große Problem von Gibbs’ Film, er ist in seinen Details schlampig und veraltet. Ein „Experte“ behauptet, Wind liefere nur einen „kleinen Bestandteil“ der deutschen Energieproduktion, falsch, es ist bereits mehr als ein Drittel. Ein anderer „Experte“ weist darauf hin, dass Elektroautos doch mit Strom betankt würden, der von Kohlekraftwerken erzeugt wurde; er vergisst zu erwähnen, dass man dafür auch Strom aus Windkraft verwenden kann. Das wäre dem echten Moore nicht passiert, falsche Recherche haben seine vielen Feinde ihm nur in wenigen Fällen nachweisen können.

Wer nach dem Kern von allen Filmen Michael Moores sucht, findet ihn in dessen Verachtung des zügellosen, unkontrollierten, verantwortungslosen weltweiten Finanzkapitalismus. Das ist auch der Kern der ökologischen Energiewendebewegung, auch wenn es von ihr eher selten so klar formuliert wird: Sie bekämpft das endlose Wachstum, die Ausbeutung der Ressourcen von Mensch und Natur, die ausschließliche Orientierung unseres Handelns an den Zahlen unter dem Bilanzstrich.

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Zerstörte Natur: Berge im chinesischen Guilin

Quelle: VCG via Getty Images

„Planet of the Humans“ kann deshalb auch als Warnschuss an die Umweltbewegung verstanden werden, an ein geliebtes Kind, das auf Abwege zu geraten droht: Verabschiedet euch von Alternativen, die von euch stammen, aber nicht funktionieren. Vor allem aber: Hütet euch vor falschen Freunden wie der Koch-Dynastie, die vorgibt, ihre Geschäfte grün anzustreichen und der doch ihr Bankkonto näher ist als das Wohl des Planeten; oder vor freundlichen Offerten wie dem von Siemens-Chef Kaeser, der Luisa Neubauer einen Sitz in einem Aufsichtsrat anbot. „Die Übernahme der Umweltbewegung durch den Kapitalismus ist nun komplett“, konstatiert Jeff Gibbs nach einer halben Stunde und montiert gutgelaunte Jetsetter und Umweltaktivisten hintereinander, die sich über Schecks von Sponsoren freuen.

Nun ist „Planet of the Humans“ also von Youtube „zensiert“ worden. Dies ist wirklich geschehen: Der Englische Umweltfotograf Toby Smith entdeckte in „Planet“ einige Sekunden mit Bildern seines „Rare Earthenware“-Projekts, in dem er den Weg von raren Mineralien verfolgt, die in der Inneren Mongolei geschürft und dann in den Westen gebracht werden, um in Elektronikgeräten verwendet zu werden.

Smith mag die Botschaft des Films überhaupt nicht und wandte sich mit einer Beschwerde wegen Verletzung des Urheberrechts an Youtube. Gibbs wird die entsprechenden Sekunden herausnehmen, und „Planet of the Humans“ wird in die Öffentlichkeit zurückkehren. So viel zu den Schreien über Zensur. Wichtiger wäre allerdings, dass Gibbs seinem Film einen gründlichen Faktencheck angedeihen lässt.