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Stephan Hormes in der Mellin Passage in der Hamburger Innenstadt

Quelle: Bertold Fabricius

Mit diesen Karten kann jeder das historische Hamburg entdecken

Die Hamburg-Karten des Historikers Stephan Hormes verzeichnen neben den aktuellen Daten vielfältige geschichtliche Details. Nun kann jeder auf zwei Spaziergängen scheinbar bekanntes Terrain neu entdecken.

Stephan Hormes springt vom Fahrrad und schließt es auf dem Hamburger Rathausmarkt an. Der Kartograf und Historiker aus Lübeck bringt das Rad gerne mit, wenn er die benachbarte Hansestadt besucht, denn er weiß, wie dezentral sie angelegt ist. An diesem sonnigen Frühlingstag sind wir allerdings zu Fuß unterwegs, denn Hormes hat eine besondere Karte dabei, die zwei Spaziergänge im Zentrum der Stadt verzeichnet. Sie gehört zu dem zweiteiligen Kartenwerk „Spuren der Zeiten“, das Hormes jüngst in seinem kleinen Verlag Kalimedia herausgegeben hat.

Die beiden Touren „Von der Binnenalster zum Binnenhafen“ und „Vom Millerntor zur Hammaburg“ sind jeweils rund zwei Kilometer lang und begeben sich tief in die Vergangenheit der Elbmetropole. Die architektonischen Spuren von Jahrhunderten wurden in einen modernen Stadtplan im Maßstab 1:5000 integriert. Mehrere geschichtliche Ebenen liegen also für den Wanderer gut lesbar übereinander, weitere Informationen und interaktive Ergänzungen finden sich auf der begleitenden Internetseite „Storymaps“. Wie ausgezeichnet die Karte funktioniert und wie viel sie über die Stadt zu erzählen vermag, erweist sich in den nächsten Stunden.

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Die Karte zeigt auch historische Orte wie die Keimzellen der Hansestadt, die Hammaburg am Domplatz und die Neue Burg an der Willy-Brandt-Straße

Quelle: Kalimedia Verlag; Bertold Fabricius

Auf dem Weg zum Startpunkt der Alstertour erzählt Hormes, worum es ihm eigentlich geht. Hamburg, sagt er, sei eine Stadt, in der Kriegszerstörung, Wiederaufbau und „das Streben nach Wirtschaftlichkeit“ die gewachsene Stadtlandschaft besonders stark fragmentiert haben. Die alten, für die Identität der Bewohner wesentlichen Strukturen sind an vielen Stellen nicht mehr erkennbar und durch gesichtslose Neubauten ersetzt worden. „Hamburg ist eine schnelle, dynamische Stadt“, sagt Hormes, „aber das Zentrum ist nur schwer zu finden.“

Als der Kartograf dies bei einem früheren Besuch feststellte, begann er, die Hansestadt systematisch zu durchstreifen und sich in ihrer Geschichte genau umzusehen. Zunächst identifizierte er 14.000 historische Gebäude aus der Zeit zwischen 1256 und 1925. Diese Bauten sind auf beiden Karten deutlich hervorgehoben: Auf dem großen Stadtplan, der ganz Hamburg plus Altona umfasst (Maßstab 1:10.000), und auf dem Zentrums-Plan mit den erwähnten Spaziergängen. Die Karten wurden verfeinert durch die Erfassung geschichtsträchtiger Stadtdetails. Zuletzt folgte die Markierung wichtiger Epochen, zum Beispiel der Grundriss der Hammaburg oder die historische Grenze zu Altona.

„Wo ich hinkomme, begebe ich mich auf Spurensuche“, sagt Hormes, der aus Wuppertal stammt, in Berlin studiert hat und zusammen mit seiner Frau, der Sommelière Silke Peust, in Lübeck besondere Themenkarten herausgibt. Am Graskeller folgen wir jetzt der Spur der Alster. Hier zweigt die alte Alster unter dem Namen Mönkedammfleet vom breiten Alsterfleet ab, das als schiffbarer, künstlicher Kanal gen Elbe durchgestochen wurde.

„Der ursprüngliche Flussverlauf der Alster ist heute kaum noch nachvollziehbar. Doch er führte an wichtigen Schauplätzen der Hamburgischen Geschichte vorbei“, erklärt der Historiker. Nachdem der Fluss am Mönkedamm unter dem Haspa-Gebäude verschwunden ist, taucht er an der Mühlenbrücke als Nikolaifleet wieder auf. Etwa an dieser Stelle befand sich die Einmündung des ersten Fleets der Stadt: Das inzwischen zugeschüttete Reichenstraßenfleet war ein Seitenarm der Bille.

Wenige Meter alsterabwärts stand bis zum Großen Hamburger Brand das alte Rathaus, das am 6. Mai 1842 zur Eindämmung der Feuersbrunst gesprengt wurde. In einer Flussschleife der Alster, nahe des Mahnmals St. Nikolai, verweisen die Spuren auf noch weiter zurückliegende Ereignisse. An dieser Stelle wurde 1024 als Nachfolge-Befestigung der Hammaburg die Neue Burg gegründet. Hormes hat auf seiner Karte bereits die historische Bohnenstraße als Verbindung der Straßen Neue Burg und Großer Burstah eingezeichnet, die derzeit im Zuge der Neugestaltung des Nikolai-Quartiers wiederhergestellt wird.

Die Bohnenstraße nimmt die halbrunde Bebauung auf, die der Form der herzoglichen Burganlage folgt. Nicht ganz so gut erkennbar ist der einstige Zweck von Hamburgs ältester Brücke: Die Zollenbrücke aus dem Jahr 1633 wurde mit der Zuschüttung des Gröningerstraßenfleets funktionslos. Zwischen Trost- und Zollenbrücke stand nicht nur die erste Hamburger Börse am Alsterufer. Bis ins 16. Jahrhundert lag hier auch das Hafenzentrum der wachsenden Hansestadt. Weiter fließt die Alte Alster an den schönen Bürgerhäusern der Deichstraße vorbei, in der einst der Große Brand ausbrach, und mündet in den Zollkanal. Hier endet die erste Tour.

Vom ersten Hafen zur Keimzelle der Hansestadt

Der zweite Spaziergang beginnt am Millerntor und folgt einer historischen Handelsroute. „Die alte Hauptstraße zwischen Altona und Hamburg verlief über Jahrhunderte vollkommen anders als die heutige Ost-West-Straße“, erklärt Hormes. Vom Millerntor-Wachhaus aus geht es zum Großneumarkt in der Neustadt. Hier regt der Kartograf einen kleinen Exkurs an: In der Brüderstraße gibt es einen Punkt, an dem man sich um 360 Grad drehen kann und dabei ausschließlich schöne, gründerzeitliche Gebäude sieht.

Vom Markt aus verlief die Landstraße, auf der früher eine Straßenbahn fuhr, über den Alten Steinweg bis zur Ellerntorsbrücke, die das Herrengrabenfleet überspannt und heute zum charakterlosen „Fleethof“ führt. Auf der Karte ist die alte Stadtgrenze deutlich sichtbar, ein historisches Bild des schmucken Ellerntors von 1600 findet sich neben vielen anderen am Kartenrand. Wer das Stadttor passiert hatte, gelangte über den Rödingsmarkt auf den Großen Burstah, die ehemals stadtbeste Einkaufsadresse. Doch „die alte Haupt- und Geschäftsstraße konnte nach dem Krieg nicht mehr an ihre Geschichte anknüpfen“, so Hormes.

An der Börsenbrücke kreuzen sich beiden Touren. Wir folgen diesmal dem ehemaligen Reichenstraßenfleet nach Westen und erreichen den unspektakulären Platz Dornbusch, wo ein Ankersymbol auf der Karte die Lage des ersten, um das Jahr 900 genutzten Hamburger Hafens markiert. Ein Stück weiter, auf dem Domplatz, stand die Hammaburg: „Das ist die Keimzelle der Hansestadt. An dieser Stelle wurde der Besiedlungsimpuls Hamburgs ausgelöst“, sagt Hormes.

Wallfragmente aus Stahl deuten für jedermann ersichtlich die Umrisse der einstigen Befestigung an. Viele Spuren, die wir heute gesehen haben, waren weniger augenfällig. „Wie ein Archäologe die Schichten vergangener Zeiten im Erdreich erforscht, versuche ich, die Spuren der Zeiten im Stadtkörper zu erkennen“, erklärt der Kartograf. Sein Traum ist die Ausweitung des Projekts „Spuren der Zeiten“ auf alle deutschen Städte. Unserer Identität als Bürger würde das zugutekommen.

Stephan Hormes: Spuren der Zeiten, Kalimedia-Verlag. Weitere Informationen im Internet auf der Homepage des Verlags.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

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Quelle: WELT AM SONNTAG