Kommentar

Warum erst hereinfallen?

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Die Geschichte spielt zwar im fernen Radebeul im Freistaat Sachsen, ein Ort, der als Heimatstadt von Karl May bekannt ist. Lange her. Heute macht Radebeul mit einer Affäre von sich reden, die über die Stadtgrenzen hinaus ein bedenkliches Licht auf unsere politische Kultur wirft: Vereint haben es CDU und AfD geschafft, den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Jörg Bernig zum Leiter des Kulturamts der Stadt zu machen. Mit seinem Namen wird gern das Etikett „neurechter Vordenker“ verbunden. Was das heißt? In der Flüchtlingsfrage 2015 etwa schlug sich Bernig auf die Seite von Pegida, er kokettiert mit nationalistischen Positionen, die er allerdings geschickt zu relativieren versteht. In einer seiner bekannteren Äußerungen, der sogenannten Kamenzer Rede, lobte er Ehrenamtler für ihr Engagement für Asylbewerber.

Wie auch immer, allein Bernigs publizistische Tätigkeit für den identitären Propagandisten Götz Kubitschek lässt es gerechtfertigt erscheinen, dass die Unterschriftenlisten gegen seine Wahl in den vergangenen Tagen anwuchs und auch der PEN die leicht überfällige Frage stellte, ob dieser Mann in einem Schriftstellerverband richtig aufgehoben ist, der sich internationaler Zusammenarbeit und Autorenhilfe verpflichtet fühlt. Und richtig ist auch, dass die Wahl zum Kulturamtsleiter nun wiederholt werden soll. Es stellt sich allerdings dieselbe Frage wie bei der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen: Warum muss man erst auf die AfD hereinfallen, bevor man bemerkt, in welche Gesellschaft man sich begeben hat?