Der Kurznachrichtendienst Twitter hat erstmals einen Tweet von US-Präsident Trump einem Faktencheck unterworfen. Das Ergebnis: Trumps Behauptungen zur Briefwahl seien „unbegründet“.

Quelle: WELT

Warum Donald Trump Twitter droht

Der Kurznachrichtendienst Twitter hat US-Präsident Donald Trump vorgeworfen, Falschinformationen zu verbreiten. Trump schäumt, droht mit der Einstellung der Plattform, die angeblich die freie Meinungsäußerung einschränkt. Was hinter dem Konflikt steckt.

Twitter ist so etwas wie das virtuelle Arbeitszimmer von Donald Trump. Nun hat der US-Präsident feststellen müssen, dass ihm dieses Arbeitszimmer gar nicht gehört, sondern dass er es nur unentgeltlich nutzen darf. Zum beiderseitigen Vorteil von Mieter und Vermieter. Bislang. Denn nun hat Twitter Trump vors Schienbein getreten, ebenfalls natürlich nur rein virtuell.

Der Kurznachrichtendienst, über den Trump mehr als 80 Millionen Abonnenten hat, setzte einen kleinen Text mit einem vorangestellten Ausrufungszeichen unter einen Tweet des Präsidenten, übersetzt lautet er: „Hol dir die Fakten über Briefwahl.“ In dem Tweet hatte Trump behauptet: „Es ist unmöglich, dass Briefwahlen nicht substanziell betrügerisch ausfallen. Briefkästen werden ausgeraubt, die Wahlbögen werden gefälscht und sogar illegal ausgedruckt und in betrügerischer Absicht unterzeichnet.“

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US-Präsident Trump glaubt, dass Briefwahlen in den USA zu seinen Ungunsten manipuliert würden

Der blaue Text führt über einen Link auf eine Seite, in der Twitter die Nutzer darüber aufklärt, dass der Vorwurf von Trump „unsubstantiated“ sei, also nicht bewiesen, ja sogar unbegründet sei. Dies hätten Faktenchecks von Medien wie CNN und „Washington Post“ ergeben. Das sind freilich Medienmarken, die Trump regelmäßig selbst als Anbieter von Falschnachrichten („fake news“) bezeichnet, sie sind ihm regelrecht verhasst.

Und so dauerte es nicht lange, bis Trump sich Twitter vornahm, um dem Angebot vorzuwerfen, die anstehende Präsidentenwahl zu beeinflussen, und zwar durch die Beeinflussung der freien Meinungsäußerung („FREE SPEECH“ in Großbuchstaben), und er, der Präsident, werde das nicht zulassen. In all den Twitter-Eskapaden des US-Präsidenten dürfte dieser Vorfall zu den spektakulärsten gehören.

Doch nicht das Verhalten von Donald Trump ist bemerkenswert, der Mann verfolgt letztlich seine tägliche Routine, Steine ins digitale Wasser plumpsen zu lassen und zu schauen, wie breit die Kreise werden, sondern das Verhalten des Kurznachrichtendienstes.

Twitter, Facebook und YouTube sind die Plattformen, die am meisten zur Verbreitung von Desinformation beitragen. Seit Jahren werden diese Plattformen von der Politik und einer kritischen Öffentlichkeit dazu angehalten, Hassrede und Falschinformationen, die dort zu Propagandazwecken gepostet werden, effektiv einzudämmen.

Facebook stand immer unter besonderer Beobachtung, hat womöglich auch am meisten getan, zumindest den Anschein zu erwecken, man nehme sich des virulenten Problems an. YouTube und Twitter waren in ihrem Engagement weitaus zurückhaltender, alle drei lassen gerne Statements ihres Managements verbreiten, man wolle sich „verbessern“, wolle etwas für die Demokratie tun, die unbestritten von den Kreisen hinter der Verbreitung von Desinformation attackiert wird. Die massive Verbreitung von Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Coronavirus zeigt aber, dass die Anbieter der Plattformen wenig ausrichten können.

Oder wenig ausrichten wollen? Denn klar ist auch, dass die Währung Aufmerksamkeit wertvoll ist. Je wertvoller, umso lauter die Kakofonie der Töne ist, die uns allen im Netz entgegendröhnt. Die Deutungshoheit hat, wer die Aufmerksamkeit bekommt. Aufmerksamkeit ist darum gewissermaßen das Geschäftsmodell der Plattformen, nur über sie können sie ihre teuren technologischen Investitionen über den Verkauf von Werbung refinanzieren.

Und wer sich dann selber einen Teil seiner Reichweite wegschneidet, weil er tatsächlich konsequent Falschinformationen ausblendet oder löscht, auch solche, die durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind (ganz häufig sind sie das), der muss eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen und fragen: Was bringt mir mehr – die Leute machen zu lassen, weil der Laden dann brummt, oder den Laden sauber zu halten, weil das die anderen Leute gut finden? Bisher war immer die erste die von den Firmen gewählte Variante.

Hat sich das geändert? Twitter verweist auf Nachfrage auf eine Mitteilung vom 11. Mai, die von Yoel Roth mitgeschrieben wurde, dessen Job sich „Head of Site Integrity“ nennt, der also bei Twitter für Integrität zuständig ist. Kein leichter Job vermutlich und hoffentlich nicht nur ein Feigenblatt, auf jeden Fall darf man sich den Mann als eine Art digitalen Sisyphos vorstellen.

Als Reaktion auf die Verbreitung des Coronavirus und die damit einhergehenden Falschinformationen habe man sich jedenfalls für die Einführung von Warnhinweisen unter kritischen Tweets entschlossen, die mehr Kontext herstellen sollen. Ein Team nutze „interne Systeme“, um solche Tweets zu identifizieren.

Es sind vermutlich keine elaborierten Algorithmen nötig, um den Twitter-Account von Donald Trump als eine potenzielle Quelle von Aussagen zu identifizieren, die einen Faktencheck nötig hätten. Und doch gehört zu der Entscheidung, Trump einen solchen Warnhinweis in den Tweet zu schieben, der Wille zum Konflikt mit dem amerikanischen Präsidenten – und es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob man den Mann nun für geistig minderbemittelt hält oder nicht. Der Präsident ist der Präsident, und wer sich mit ihm anlegt, sollte lange ohne Schlaf auskommen können.

Zu Twitters Entscheidung gibt es nun eine idealistische und eine zynische Interpretation. Die idealistische Sichtweise zahlt auf das Narrativ ein, das das Silicon Valley über sich selbst geschrieben hat: So ziemlich jedes Vorhaben ist ein Resultat der Idee, die Welt besser zu machen. Dieses Narrativ widerlegt sich selbst, befasst man sich näher damit, doch es hält sich ebenso wie ein Trump-Tweet – wer daran glauben will, bleibt dabei.

Die zynische Interpretation ist, dass sich Twitter hier gezielt einen Tweet des wichtigsten Zulieferers seiner eigenen Aufmerksamkeitsökonomie ausgesucht hat, um ihn öffentlich der Verbreitung von Desinformation zu beschuldigen – um damit den Beweis zu erbringen, wie ernst man es mit der eigenen Mission, den öffentlichen Diskurs zu gestalten, nimmt.

So gesehen, wäre der Warnhinweis ein rein symbolischer, weil folgenloser Akt, der aber Anerkennung von Medien, Gesellschaft und Politik einbringen wird. Doch erst wenn Reputation wieder messbar mehr wert ist als reine Aufmerksamkeit, kann die zivile Gesellschaft einen Erfolg vermelden.

Nur wenige Stunden nachdem Trump von Twitter gedemütigt wurde, schrieb er auf der Plattform: „Republikaner spüren, dass soziale Medien konservative Stimmen vollkommen zum Schweigen bringen. Wir werden sie hart regulieren oder einstellen, bevor wir das zulassen.“ Trump wird um sein Arbeitszimmer kämpfen, und wenn er es einfach abschließt.


Fall Lori Klausutis
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