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Spektakuläre Landschaften nimmt Michael von Hassel vor seine Kameralinse. © Privat

„Das Schlimmste ist die Ungewissheit“: Künstler berichten, wie sie mit der Corona-Krise umgehen

Abgesagte Konzerte, verschobene Ausstellungen...

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Abgesagte Konzerte, verschobene Ausstellungen und Lesungen: Den freischaffenden Künstlern macht die Corona-Krise zu schaffen. Drei von ihnen berichten, wie sie mit der Ausnahmesituation umgehen. 

Geretsried/Höhenrain– Die Corona-Pandemie macht vielen Branchen zu schaffen. Auch freischaffende Künstler trifft die Krise. Sie können ihre Werke nicht ausstellen, beziehungsweise dürfen nicht auftreten. Wie gehen sie damit um? Wir haben darüber mit dem Fotografen Michael von Hassel, dem Musiker Peter Schneider und der Künstlerin Sandra Kolondam gesprochen.

Von Hassel ist ein Globetrotter. Noch im Januar war der gebürtige Geretsrieder im kolumbianischen Dschungel unterwegs. Er traf auf bewaffnete Guerilla-Kämpfer und ließ sich mit ihnen ablichten, als seien sie alte Freunde. Den Fotografen zieht es in die entlegensten Regionen, dorthin, wo kein Tourist freiwillig geht. Bis zu 260 Tage im Jahr jettet er um die Welt. Das war vor der Krise. Nun entdeckt von Hassel die heimische Region mit seinem E-Bike.

Corona trifft freischaffende Künstler hart

Die Natur- und Architekturfotografien des gebürtigen Geretsrieders werden international gehandelt. Von Hassel zählt gegenwärtig zu den bedeutendsten Fotografen Deutschlands. Dadurch konnte er sich ein finanzielles Polster schaffen, um die eingebrochene Auftragslage und die abgesagten Ausstellungen in Berlin, Budapest und auf Sylt ausgleichen zu können. „Es ist sinnvoll für mich, mal den Stecker gezogen zu bekommen“, sagt von Hassel. Er sieht in der aktuellen Situation sogar eine Chance: „Unterm Strich können wir viel lernen und nach der Krise eine wertvolle Zukunft schaffen.“

Peter Schneiders Band „The Stimulators“ ist kürzlich nach sieben Wochen Zwangspause erstmals wieder aufgetreten. Per Live-Stream wurde das Konzert aus der Kulturbühne Hinterhalt in die Wohnzimmer der Publikumsgäste übertragen. „Es ist nicht auszudenken, wie die Gesellschaft sein wird, wenn es die die Bühnenkultur nicht mehr gibt“, warnt Schneider.

Live-Stream aus der Kulturbühne Hinterhalt

Der begnadete Gitarrist, der in Südamerika studierte und als junger Musiker mit Ike Turner auf der Bühne stand, würde sich normalerweise in Kürze auf Tournee durch Tschechien, Slowakei, Österreich und Deutschland begeben. Wegen Corona wurden 17 Auftrittstermine abgesagt, damit gibt es auch keine Gageneinnahmen. „Das Schlimmste ist die Unsicherheit, nicht zu wissen, wann es weitergeht“, sagt der gebürtige Münchner, der von der Musik lebt. Schneider hat Soforthilfe für Soloselbstständige bekommen, darüber ist er froh. Viele seiner Kollegen gehen leer aus, weiß der Musiker.

Auch die Künstlerin Sandra Kolondam nutzt die Möglichkeiten des Internets, da sie aktuell nicht wie sonst bundesweit ausstellen kann. Sie bietet ihre großformatigen und bonbonfarbigen Bilder, in denen sie sich kritisch mit der Natur und dem technologischen Fortschritt auseinandersetzt und zeigt, dass die Realität nicht zuckersüß ist, über eine virtuelle Galerie an. Aktuell plant Kolondam außerdem mit anderen Künstlern ein Kollektiv, um gemeinsam virtuelle Vermarktungsmöglichkeiten zu organisieren. 

Im Internet gibt es keine Grenzen

Im Internet gebe es keine Grenzen, sagt die gebürtige Münchnerin. Das sei auch eine reelle Chance, international bekannt zu werden. Kolondam ist sicher: „Die digitale Ausstellungsform wird nach der Krise ein neues Standbein bleiben.“ Kolondam hat ursprünglich Marketing studiert und arbeitete viele Jahre in Festanstellung. Inzwischen lebt und arbeitet sie als freischaffende Malerin in Höhenrain.

Eine Konzertpremiere der besonderen Art gab es kürzlich aus der Kulturbühne Hinterhalt: zum ersten Mal wurde dort ein Konzert live im Internet übertragen. Die Resonanz war riesig. Eine weitere Premiere in der 30-jährigen Geschichte der Kulturbühne Hinterhalt war eine Lesung ohne Publikum. Dr. med Pablo Hagemeyer stellte dort sein Buch über Narzissmus vor.

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