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Podcast im Büro: Ex-Regierungssprecher Béla Anda und Gerhard Schröder.
(Foto: dpa)

Eine Menge Lebenszeit

Gerhard Schröder hat jetzt einen Podcast. Eines wird beim Hören schnell klar: Kürzungen, wie man sie aus Schröders Reformpolitik kennt, hätten hier sicher auch nicht geschadet.

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Béla Anda und Gerhard Schröder, der einstige Regierungssprecher und sein Kanzler, sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Beider Haare sehen aus, als hätten die Herren seit den ersten Lockerungen Wichtigeres zu tun gehabt, als zum Friseur zu gehen. Aber was man eigentlich sieht auf diesem Bild, ist die Entstehung von Schröders erstem Podcast, aufgenommen in seiner Hannoveraner Anwaltskanzlei und von diesem Dienstag an gratis auf allen gängigen Plattformen zugänglich.

Der Ex-Kanzler, heute 76, ist, wie man weiß, auch im höheren Alter gegenüber Neuem aufgeschlossen. Nichts sprach also aus seiner Sicht gegen ein bisschen Plauderei - über Politik, über Corona und natürlich über sich selbst, Hauptsache, der Béla macht die Technik und den ganzen Rest. Anda, der einstige Untergebene, fragt so, als wäre er es heute noch. Und auch Schröder klingt sofort wie Schröder, gleich im ersten Satz sagt er sein typisches "keine Frage" und im dritten schon "im Übrigen" - rhetorische Erkennungsmerkmale aus lange vergangenen Zeiten.

Agenda lautet der Titel des Podcasts, so wie Schröders Reformpolitik 2003. Die Entschlossenheit zu Kürzungen, die Schröder damals zeigte, hätte beim Bearbeiten des Podcasts auch nicht geschadet. Eine halbe Stunde dauert die erste von acht geplanten Folgen. Das ist selbst für Fans des Altkanzlers eine Menge Lebenszeit. Fasst man es zusammen, haben Schröder Golf und Tennis in den Wochen des Corona-Lockdowns mehr gefehlt als die Reiserei zwischen Vorträgen und Aufsichtsratssitzungen. Er und seine Frau hätten sich vorgenommen, zu Hause zu bleiben und "keine Privilegien in Kauf zu nehmen", wie der Altkanzler versehentlich, aber hübsch formuliert. Er habe viel gelesen, zwei Bände Churchill-Biografie. Wenn er doch mal rausging, trug Schröder schon sehr früh eine Schutzmaske - in der koreanischen Heimat seiner Frau eine Selbstverständlichkeit.

Politisch benennt Schröder vor allem, was in der Krise gut funktioniert habe: der Föderalismus zum Beispiel, im Übrigen zu seiner eigenen Überraschung; die Zusammenarbeit der Volksparteien; der Sozialstaat. Die Bundesregierung mache ihre Sache in der Corona-Politik gut, "sehr optimal" vor allem die SPD-Minister Olaf Scholz und Hubertus Heil, aber auch die Kanzlerin. Schröder lobt sie mehrmals, bindet aber jedes Mal eine so umständliche "Warum sollte ich das nicht tun?"-Girlande an die Würdigung, dass das Charmante allmählich ins Gönnerhafte abdriftet.

Wünschen würde er sich, dass der Respekt für die kleinen Leute in schwierigen Berufen auch nach der Krise erhalten bliebe. Die Proteste von Verschwörungstheoretikern seien zu vernachlässigen: "Idioten auf dieser Welt hat es immer gegeben." Donald Trump ("Der kapiert ja ohnehin wenig") würde er da offenkundig dazuzählen. Der Name Wladimir Putin fällt nicht, wohl aber mancher Hinweis auf eine aus Schröders Sicht falsche Politik gegenüber Russland. Zu trinken gab es übrigens, wie Béla Anda gleich am Anfang berichtet, Wasser und Kaffee. Nur als Schröder meint, den ukrainischen Botschafter einen "Zwerg" nennen zu müssen, kann man sich nicht ganz sicher sein, ob es dabei auch bis zum Schluss geblieben ist.