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Christian Drosten kritisierte auf Twitter die Methoden der Bild-Zeitung.© AFP / TOBIAS SCHWARZ

Eklat um Drosten: Heftige Kritik an Studie - doch Kollegen stärken ihm den Rücken

„Tendenziöse Berichterstattung““

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Christian Drosten wirft der Bild-Zeitung tendenziöse Berichterstattung vor - und geht auf Twitter viral. Viele Politiker unterstützen den Experten. 

Berlin - Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité-Klinik erwies sich in der Corona-Pandemie* stets als einer der meistbeachteten Berater der Politik. Gelegentlich kritisierte er die Berichterstattung der deutschen Presselandschaft im Zusammenhang mit dem Coronavirus*. Nun gibt es erneut Ärger - denn Drosten wirft der Bild-Zeitungtendenziöse Berichterstattung“ vor. Vorausgegangen war eine ungewöhnliche Anfrage eines Redakteurs. Es folgte ein Artikel mit drastischer Kritik an Drostens Arbeit.

Eklat um Christian Drosten: Tweet mit Mail-Anfrage geht viral - Virologe bemängelt „tendenziöse Berichterstattung“

Drosten selbst brachte mit einem Tweet die heftige Debatte ins Rollen, der Virologe postete den Screenshot einer Mail-Anfrage eines Bild-Journalisten. Dieser teilte Drosten mit, man wolle kritisch über eine Studie des Instituts für Virologie an der Charité berichten. Diese untersuchte, ob bei Kindern dieselbe Ansteckungsgefahr* bestehe wie bei Erwachsenen. 

Drosten bezog sich auf jene Studie, als er erklärte, es gebe keinen signifikanten Unterschied bei der Viruslast von Kindern und Erwachsenen. Die Anfrage beinhaltete auch Zitate von Wissenschaftlern, die der Studie gegenüber offenbar skeptisch gegenüberstehen.

In der E-Mail des Redakteurs, die um 15 Uhr bei Drosten einging, wurde der Virologe aufgefordert, sich innerhalb einer Stunde zur Kritik an seiner Studie zu äußern. In seinem Tweet antwortete Drosten trocken, er habe „Besseres zu tun“. Dazu schrieb er: „Interessant: die Bild plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang.“

Eklat um Virologen: Zitierte Wissenschaftler stellen sich hinter Drosten - „Distanziere mich ausdrücklich“

Kurze Zeit nach dem Tweet des Charité-Virologen veröffentlichte die Bild am Montagnachmittag den kritischen Artikel mit dem Titel „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“. In dem Text wurden auch Stimmen verschiedener Experten aus der Wissenschaft hinzugezogen, die ihre Bedenken an der Studie aussprechen. Außerdem erwähnte die Zeitung, dass sich der Virologe nicht auf die Anfrage äußern wolle.

Allerdings schienen die zitierten Wissenschaftler zumindest teilweise nichts von dem Bild-Bericht zu wissen und distanzierten sich nun von dem Artikel. Der Bonner Statistik-Professor Dominik Liebl schrieb, „ich wusste nichts von der Anfrage der BILD und distanziere mich von dieser Art Menschen unter Druck zu setzen aufs schärfste“. Christoph Rothe, Professor an der Uni Mannheim, twitterte ebenfalls, „niemand von der Bild hat mit mir gesprochen, ich distanziere mich ausdrücklich von dieser Art der Berichterstattung“

In dem Artikel werden sowohl der Wirtschaftswissenschaftler Rothe als auch Liebl zitiert. „Die mittlere Viruslast der Altersgruppe Kindergarten ist um 86 Prozent niedriger als die mittlere Viruslast der Altersgruppe der Älteren“, lautet ein Zitat aus einer Studie Liebls. Rothe wird mit den Worten wiedergegeben, die in Drostens Studie verwendeten statistischen Methoden seien „sehr schwach“.

Eklat um Virologen: Zitierte Wissenschaftler stellen sich hinter Drosten - „Distanziere mich ausdrücklich“

Sogar Politiker sprangen dem Virologen zur Seite und unterstützten ihn. Juso-Chef Kevin Kühnert postete eine Anfrage desselben Redakteurs aus dem Jahr 2018, in dem ihm „noch mehr als drei Stunden Zeit zur Beantwortung“ gegeben wurden, wie der SPD-Politiker ironisch kommentierte. Auch die Grünen-Politikerin Renate Künast kommentierte Drostens Beitrag mit einem Herzen sowie einem hochgestreckten Daumen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach - ebenfalls ein äußerst gefragter Ansprechpartner in der Krise - stärkte Drosten auf Twitter ebenso den Rücken und schrieb, „da Methodik der Studie einwandfrei ist (und sich mit der anderer Studien dazu deckt) würde ich mir keine Sorgen machen.“

Viele Twitter-Nutzer wiesen auf die kurze Zeit hin, die dem Virologen zur Antwort gegeben wurde und werfen der Bild mangelnde Recherche und Voreingenommenheit vor. Einige User griffen den Charité-Virologen an, da er zunächst die Daten des Redakteurs in seinem Screenshot öffentlich machte. Der Tweet wurde jedoch von Drosten gelöscht und später bearbeitet wieder gepostet. 

ajr

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