Coronafolgen

Europäische Bankenaufsicht warnt vor massivem Anstieg fauler Kredite

Die Banken in der Europäischen Union gehen zwar mit großen Kapitalpuffern in die Krise, doch sie waren auch zuvor zu unprofitabel, moniert die EU-Behörde.

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Bankenstadt Frankfurt am Main

Die Folgen der Coronakrise schlagen auf die Bankenbücher noch gar nicht richtig durch.(Foto: dpa)

Frankfurt. Die Folgen der Corona-Pandemie werden Europas Banken nach Einschätzung der Europäischen Bankenaufsicht Eba hart treffen. Die EU-Bankenaufseher fürchten vor allem einen deutlichen Anstieg der faulen Kredite in den Büchern der Institute. Deren Volumen könne mit Fortschreiten der Krise ein Niveau „ähnlich wie im Nachgang der Staatsschuldenkrise“ erreichen, wie die Eba in einer am Montag veröffentlichten Analyse schreibt.

„Die Auswirkungen der Krise auf die Qualität der Vermögenswerte ist eine Hauptsorge“, schreibt die EU-Behörde. Es sei klar, dass Banken in ihren Bilanzen bislang nur einen Teil der zu erwarteten Risikovorsorge abgebildet hätten, „der größere Teil wird erst noch kommen“. Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling hatte vor Kurzem im Handelsblatt-Interview gesagt, er rechne mit einem deutlichen Anstieg der Belastungen im dritten und vierten Quartal dieses Jahres.

Nach Schätzungen der Eba könnten die Kreditschäden die Banken im Extremfall bis zu rund 3,8 Prozentpunkte ihres Kernkapitals kosten. Das entspricht einer Summe von etwa 315 Milliarden Euro. Positive Effekte etwa durch Staatsgarantien sind im Extremszenario allerdings nicht abgebildet.

Ein deutlicher Anstieg geplatzter Bankdarlehen wäre für die europäischen Volkswirtschaften eine enorme Hypothek. Denn Verluste im Kreditgeschäft schränken die Möglichkeiten der Geldhäuser ein, Unternehmen und Haushalte mit genügend Darlehen zu versorgen.

Damit der europäischen Wirtschaft nicht mitten in der Krise der Geldhahn zugedreht wird, hatten die Bankenaufseher die Vorschriften für Banken an vielen Stellen gelockert. So dürfen die Institute bestimmte Kapitalpuffer nutzen, die für Krisenzeiten gedacht sind, und sie müssen nicht jeden Kredit, bei dem die Zahlungen vorübergehend gestundet werden, sofort als Problemdarlehen ausweisen.

Faule Kredite halbiert

Die Bankenaufseher hatten die Institute über Jahre gedrängt, ihre Bilanzen von Problem-Engagements zu säubern, um die Wirtschaft auch in einer Rezession ausreichend unterstützen zu können. Die Ergebnisse sind gemischt.

Zwar haben Europas Geldhäuser in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um ihren Berg an notleidenden Engagements abzutragen: Seit Problemdarlehen Ende 2014 mit einem Anteil von 7,1 Prozent ihren Höhepunkt erreicht haben, hat sich die Quote auf 3,1 Prozent mehr als halbiert. Mit einem Volumen von 529 Milliarden Euro ist der Bestand an faulen Krediten aber noch immer höher als vor Ausbruch der großen Finanzkrise von 2008.

„Die Qualität der Vermögenswerte wird eine der Schlüsselherausforderungen für Banken in den nächsten Quartalen - und potenziell auch der nächsten Jahre - sein“, prophezeit die Eba. Das liegt auch daran, dass die Geldhäuser nach Beobachtung der EU-Behörde in den vergangenen Jahren ihr Engagement in riskanteren Feldern wie Darlehen an kleine und mittelgroße Firme sowie Konsumentenkredite signifikant erhöht haben.

Viele der Unternehmenskredite haben die Geldhäuser außerdem an Firmen in Branchen vergeben, die von der Coronakrise besonders betroffen sind: Im Durchschnitt gehe es um 57 Prozent der vergebenen Firmenkredite und etwa 18 Prozent aller vergebenen Kredite.

Die Risiken sind nach Angaben der Eba ungleich verteilt. So haben Konsumentenkredite in Zentral- und Osteuropa eine größere Bedeutung, in Südeuropa Darlehen an kleine und mittelgroße Unternehmen.

Jede zweite Bank ist zu unprofitabel

Die Belastungen aus der Coronakrise treffen immerhin Banken, die deutlich besser mit Eigenkapital und Liquidität ausgestattet sind als vor der Finanzkrise. Die harte Kernkapitalquote der Institute, die 2009 noch bei neun Prozent lag, stieg bis Ende 2019 auf rund 15 Prozent und liegt damit deutlich über dem gesetzlichen Minimum, wie die Eba betont.

Zugleich halten die EU-Bankenaufseher aber die geringe Profitabilität der Branche für eine große Schwäche. „Beinahe die Hälfte der Banken verdient noch immer nicht ihre Kapitalkosten“, moniert die Eba.

Ein Grund für die niedrige Profitabilität sind die geringen Gewinnspannen, die sich im Zinsgeschäft, der Haupterwerbsquelle der europäischen Banken, verdienen lassen. Doch die dafür verantwortliche Niedrigzinsphase dürfte sich wegen der Coronakrise eher noch in die Länge ziehen.

Hinzu kommt, dass auch die Kosten steigen dürften, zu denen sich die Banken am Kapitalmarkt Geld leihen können. Zwar haben sich viele Institute zu Jahresbeginn mit viel Liquidität eingedeckt, doch etwa ein Fünftel der von Banken geliehenen Kapitalmarktmittel muss in den nächsten sechs Monaten zurückgezahlt werden.

Die Banken haben auf die ungünstigeren Bedingungen am Kapitalmarkt reagiert und häufiger bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Mittel aufgenommen. Die EZB bietet den Instituten Langfristkredite zu günstigen Konditionen an, doch das ist keine Dauerlösung für die Geldhäuser, so die Eba.

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