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dpa / P. Zinken Bei Zwangsprostitution gibt es schon heute eine Freierstrafbarkeit in Deutschland. Bisher sei es damit aber nicht gelungen, die Situation der meisten Frauen wirklich zu ändern, meint Winkelmeier Becker.

Lisa Winkelmeier-Becker (CDU) fordert Sex-Kaufverbot : „Alltag der meisten Prostituierten hat mit ,Liebesdienst‘ null Komma null zu tun“

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Seit Jahren kämpft die Bundestagsabgeordnete Lisa Winkelmeier-Becker (CDU) für Verbesserungen der Lage von Frauen in der Prostitution. Alle Versuche aber haben wenig geändert. Mit einer Gruppe von Kollegen aus SPD und Union fordert sie jetzt ein Sexkaufverbot. Ihr wichtigster Wunsch: Deutschland soll unattraktiv werden für Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Deutschland gilt seit Jahren als das Bordell Europas. Wegen der Corona-Pandemie sind im ganzen Land die Bordelle gerade geschlossen. Eine Gruppe von 16 Bundestagsabgeordneten von SPD und Union drängt in einem Brief an die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, den Shutdown aufrecht zu erhalten. Die Parlamentarier nämlich wollen ein grundsätzliches Sexkaufverbot nach Nordischem Modell durchsetzen. Kernpunkt: Nicht die Prostituierten, sondern diejenigen, die Sex kaufen wollen, machen sich strafbar.

Eine der Initiatorinnen ist die CDU-Bundestagsabgeordnete Lisa Winkelmeier-Becker. Sie hält die heutigen Zustände für unhaltbar: „Die Traumatisierungen vieler Frauen gleichen denen von Folteropfern. Das ist belegt“, sagt sie im Interview mit FOCUS Online.  Sie glaubt, dass viele Menschen hierzulande nicht wissen, was sich da abspielt. „Es bringt viele zum Nachdenken, wenn sie sich zum ersten Mal mit der Realität der Prostitution beschäftigen.“ Beispiele? Abi-Feiern oder Junggesellen-Abschiede im Bordell.

Winkelmeier-Beckers Hoffnung: Wenn Sex nicht mehr käuflich ist, ändert das auch der Blick auf Frauen insgesamt.

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Hans Peter Barrig Lisa Winkelmeier-Becker (CDU) will ein Sex-Kaufverbot in Deutschland durchsetzen.

 

FOCUS Online: Es kommt nicht oft vor, dass sich eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten fast flehentlich an die Bundesländer wendet. Sie warnen vehement vor einer Wiedereröffnung von Bordellen, die wegen der Corona-Krise geschlossen wurden. Was ist Ihre Hauptsorge?

Lisa Winkelmeier-Becker: Die aktuelle Corona-Situation hat ja einen Shutdown der Bordelle gebracht. Zunächst einmal: Es ist völlig offenkundig, dass Prostituierte wie Freier – und deren Partnerinnen – einem enormen Infektionsrisiko ausgesetzt wären, sobald der Betrieb wieder anläuft.

Alle Informationen zum Coronavirus im News-Ticker von FOCUS Online.

FOCUS Online: Sex und das Abstandsgebot in Corona-Zeiten gehen definitiv nicht zusammen. Denken Sie, die Länder haben das nicht auf dem Schirm?

Winkelmeier-Becker: Wir haben erfreut zur Kenntnis genommen, dass bisher kein Land Bordelle wiedereröffnet hat. Aber wir merken auch, dass viele die Erwartung hegen, dass alles bald wieder so laufen sollte wie bisher. Genau das wollen wir nicht. Denn es wäre jetzt eine günstige Zeit, eine grundsätzliche Änderung herbeizuführen.

Also: Keine Huren, keine Bordelle mehr in Deutschland?

FOCUS Online: Welche?

Winkelmeier-Becker: Wir fordern ein Sexkaufverbot nach dem Nordischen Modell in Deutschland.

FOCUS Online: Heißt das: Keine Huren, keine Bordelle mehr in Deutschland?

Winkelmeier-Becker: Großen Bordellen, wie sie erst nach der „Reform“ von 2002 in Deutschland entstanden sind, würde jedenfalls der Boden entzogen. Wo das Nordische Modell gilt, zeigt sich: Die Nachfrage nach gekauftem Sex wird minimiert. Das Land wird damit unattraktiv für Menschenhandel und Zwangsprostitution. Wichtige Vorbilder sind etwa Schweden, wo das seit über 20 Jahren gilt, und Frankreich

FOCUS Online: Wie funktioniert das?

Winkelmeier-Becker: Ein Kernpunkt: Nicht die Prostituierten, sondern diejenigen, die Sex kaufen wollen, machen sich strafbar. Die Erfahrung zeigt: Es gibt zwar noch Prostitution, aber nur noch in geringem Umfang. Die Frauen können effektiv die Bedingungen bestimmen und Freier anzeigen, die sich nicht daran halten. Sie sind nicht mehr wehrlos ausgeliefert und können mit der Polizei zusammenarbeiten. Und: Es entsteht eine andere gesellschaftliche Haltung.

Junggesellen-Abschied im Bordell

FOCUS: Sie versprechen sich von diesem Weg einen echten Bewusstseinswandel?

Winkelmeier-Becker: Ja.

FOCUS: Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?

Winkelmeier-Becker: Freier werden sich nicht mehr mit ihren Sex-Eskapaden brüsten; bei uns reden viele Freier ja offen darüber, dass sie Sex kaufen. Es gibt sogar Abi-Feiern oder Jungesellen-Abschiede im Bordell. Es betrifft unsere Gesellschaft insgesamt, wenn das Frauenbild vieler Männer durch käuflichen Sex geprägt wird. Wenn ein Mann in der Mittagspause ins Bordell geht, wird er danach auch seine Kollegin kaum mit Respekt betrachten. Zum Nordischen Modell gehören außerdem Prävention und Hilfe zum Ausstieg, damit Prostituierte eine Chance haben, in andere Berufe zu kommen. 

Deutschlands Ruf als „Bordell Europas“

FOCUS Online: Haben Sie eine Ahnung, wie es normalerweise den vielen Frauen geht, die zum Beispiel an den Grenzen zu Polen und Tschechien ihren Job machen?

Winkelmeier-Becker: Es sollte uns jedenfalls allen zu denken geben, dass Deutschland manchmal als Bordell Europas bezeichnet wird und das Europäische Parlament 2014 in einer Resolution Deutschland dafür offen gerügt hat.

FOCUS Online: Warum ändert sich dann bei uns nichts?

Winkelmeier-Becker: Deutschland ist seit der Legalisierung der Prostitution in 2002 ein attraktiver Markt für Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. Seither gab es zwar Verschärfungen im Strafrecht, vor allem die Einführung der Freierstrafbarkeit bei Zwangsprostitution, außerdem das Prostituiertenschutzgesetz. Bisher ist es damit aber nicht gelungen, die Praxis wirklich zu ändern. Obwohl die meisten Leute, die erfahren, wie die Realität der Prostitution aussieht, sagen: „Das darf doch nicht wahr sein, dass so etwas in Deutschland stattfindet.“

Freier setzen sich über Schmerzen hinweg

FOCUS Online: Was schockiert sie so?

Winkelmeier-Becker: Wenn man weiß, dass bei vielen Frauen zehn und mehr Freier am Tag keine Seltenheit sind, zeigt sich doch das ganze Drama. Bei entsprechend vielen Penetrationen wird ganz viel bei den Frauen verletzt und zerstört. Seelisch wie körperlich. Freier setzen sich rücksichtslos über Widerwillen, Schmerz und Ekel hinweg, weil sie ja bezahlt haben. Den Frauen bleibt keine Wahl, weil sie der Gewalt der Zuhälter ausgeliefert sind.

FOCUS Online:  Viele fragen sich, warum genau die Frauen nicht gehen können, wie muss man sich diese Abhängigkeit vorstellen?

Winkelmeier-Becker: Frauen aus Südost-Europa sprechen oft gar kein Deutsch und haben keine Chance, sich dem zu entziehen. Vielen wird schon auf der Reise nach Deutschland – wo ihnen ein Job zum Beispiel in der Gastronomie oder der Pflege versprochen wurde – der Personalausweis abgenommen. Danach müssen sie angebliche hohe Schulden abarbeiten, oder es wird ihnen gedroht, dass ihre Kinder in der Heimat kein Abendessen bekommen, weil Mama nicht genug Geld abliefert. Oft weiß keine Behörde, dass die Frauen überhaupt in Deutschland sind. 

Was, wenn Frauen sich gut fühlen mit dem Job?

FOCUS Online: Es haben sich in diesen Tagen Prostituierte aus dem Berliner und Hamburger Kiez gemeldet: Sie haben ihr Gewerbe angemeldet und fühlten sich ausgesprochen gut mit ihrem Job. 

Winkelmeier-Becker: Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber dieses Narrativ, dass die Frauen alle ein gut organisiertes Privatleben mit Wohnung und Sozialversicherung haben, hat mit dem Alltag der allermeisten rein gar nichts zu tun. Das hat nicht zuletzt der Shutdown bewiesen: Viele Frauen wurden abgeholt und anscheinend in ihre Heimat zurückgebracht; anderen wurde ausnahmsweise gestattet im Bordell zu wohnen, weil sie offenbar keine andere Bleibe haben. Kein privates Leben, keine Ersparnisse und keinerlei Absicherung. Wer würde ohne massiven Druck solche permanenten sexuellen Übergriffe, Verletzungen und Demütigungen hinnehmen - anstatt beispielsweise eine Ausbildung zu machen oder mit angelernter Tätigkeit in Deutschland zumindest den Mindestlohn und soziale Absicherung zu verdienen?

FOCUS Online: Einige Prostituierte verstehen sich als Dienstleisterin, nicht als Opfer.

Winkelmeier-Becker: Klar gibt es solche Frauen. Einige von ihnen haben auch schon in meinem Büro gesessen. Das aber ist eine verschwindend kleine Minderheit. Der Staat muss seine Schutzpflicht an denen ausrichten, die seinen Schutz am meisten brauchen. Die Traumatisierungen vieler Frauen gleichen denen von Folteropfern. Das ist belegt. Angesichts solcher Zustände beschönigend von „Liebesdiensten“ zu sprechen, ist gefährlich und zynisch.

Auch hochschwangere Frauen prostituieren sich

FOCUS Online: Ein Sexkaufverbot wäre am Ende ja dann ein Vorstoß, den man im Bund voranbringen müsste, oder? Sind Sie optimistisch, dass Sie dafür eine Mehrheit hinkriegen?

Winkelmeier-Becker: Ich halte die Argumente jedenfalls für überzeugend. Alle bisherigen Versuche, etwas zu ändern, sind doch gescheitert. Wir haben etwa den Gesundheitsämtern im Prostituiertenschutzgesetz 2017 zusätzliche Befugnisse eingeräumt. Die werden im Ergebnis aber nicht effektiv genutzt. Wir haben nur ca. 33.000 Anmeldungen von Prostituierten in Deutschland, unter 100 sind als Angestellte sozialversichert. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass es um bis zu 400.000 Frauen gehen könnte. Es besteht weiter keine Handhabe dagegen, dass sich selbst hochschwangere Frauen prostituieren. Auch die Einführung der Freierstrafbarkeit bei Zwangsprostitution hat de facto zu wenig bewirkt. 

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dpa/Andreas Arnold/dpa/Symbolbild Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell auf Kundschaft.

„Wir geben nicht so schnell auf“

FOCUS Online: Sie sind also optimistisch, dass Ihr Plan Wirklichkeit wird? Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) soll den Vorstoß skeptisch sehen. Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza, eine Parteifreundin von Ihnen, hat auch schon abgewinkt: Sie hält ein Sexkaufverbot nicht für durchsetzbar.

Winkelmeier-Becker: Das wird sicherlich nicht einfach. Aber wir geben nicht so schnell auf. Ich selbst mache mir eher Vorwürfe, das Thema in den vergangenen Jahren nicht mit noch mehr Nachdruck verfolgt zu haben. Wir müssen Klartext reden und die Fakten benennen. Es bringt viele zum Nachdenken, wenn sie sich zum ersten Mal mit der Realität der Prostitution beschäftigen. Deshalb hoffe ich, dass Einstellungen und Mehrheiten verändert werden können. 

FOCUS Online: Die Gefahr, dass ein generelles Verbot nicht noch mehr Frauen in die Illegalität treiben könnte, sehen Sie nicht?

Winkelmeier-Becker: Wenn Sie mal nüchtern auf die Zustände in der Legalität schauen: Was soll sich denn da noch verschlechtern? Auch die fruchtbaren Zustände auf dem Straßenstrich sind Stand heute übrigens nicht weniger legal als im Bordell und finden ebenso statt unter den Augen der Öffentlichkeit und der Behörden. Im Verfahren gegen den Bordellbetreiber Rudloff haben wir vor anderthalb Jahren erfahren, worum es geht. Da ist im Urteil nachzulesen, dass sich die Frauen großflächig den Namen des Zuhälters tätowieren lassen mussten. Der Alltag der allermeisten Prostituierten hat mit „Liebesdienst“ null Komma null zu tun.

Seit November ist Lisa Winkelmeier-Becker auch Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundeswirtschaftsminister.

Käsekuchen ohne Boden: Blitz-Rezept - in weniger als 10 Minuten im Ofen

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Käsekuchen ohne Boden: Blitz-Rezept - in weniger als 10 Minuten im Ofen

 

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