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Thomas Böhm (r.), Wirtschaftsamtsleiter des Burgenlandkreises, und Tobias Voigt (l.), Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer in Weißenfels.Foto: René Weimer
Corona-Folgen für den Landkreis

Wie Unternehmen aus der Krise herauskommen könnten

Weissenfels - Wie ergeht es den Unternehmern im Burgenlandkreis in der Corona-Krise? Wie wirkt sie sich auf den Arbeitsmarkt aus? Darüber und über weitere wirtschaftliche Aspekte der Pandemie sprach MZ-Reporter Martin Walter mit Thomas Böhm, Wirtschaftsamtsleiter des Burgenlandkreises, und Tobias Voigt, Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer in Weißenfels.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Deutschland aufgrund der Corona-Gefahr in den Shutdown gegangen ist?

Thomas Böhm: Für mich war es ein Schock, der bis heute anhält. Denn damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Wir kommen ja aus einer guten konjunkturellen Lage. Bis Anfang des Jahres war nicht absehbar, dass sich die Lage so schnell ändern würde und wir dort landen, wo wir jetzt sind. Ich bin seit 30 Jahren Wirtschaftsförderer und habe nach der Wende den Strukturwandel begleitet. Das war eine schwierige Zeit. Aber die derzeitige Lage ist nicht damit vergleichbar. Das ist eine Situation, die für alle neu ist.

Tobias Voigt: Das war bei mir ähnlich. Mich bestürzt, dass die Krise praktisch alle Branchen trifft. Am Anfang waren manche Industriebetriebe noch optimistisch, dass die Belastung schnell überstanden sein könnte. Aber mit Personalengpässen und unterbrochenen Lieferketten hat sich die Lage verschärft. Mit den Lockerungsmaßnahmen kommen wir zwar langsam zur Normalität zurück, aber der Weg ist noch weit.

Wie beurteilen Sie die staatlichen Hilfen? Und welche Maßnahmen können außer finanzieller Hilfe getätigt werden?

Böhm: Finanzielle Hilfe ist erst einmal das A und O. Da war das Soforthilfeprogramm ein guter Schritt. Die Umsetzung mit langen Wartezeiten hat den Unternehmern zwar viel Frust gebracht, aber bei über 40.000 Anträgen muss man das auch verstehen. Jetzt muss man schauen, ob man das fortführen kann. Vielleicht nicht mehr allgemeingültig, sondern angepasst an die einzelnen Branchen. Man muss schauen, wie man mit einer gezielten Spritze die Hilfe zur Selbsthilfe anschieben kann. Und neben der finanziellen Unterstützung muss geschaut werden, wie die Rahmenbedingungen seitens der Behörden, Gemeinden und des Landkreises gestaltet und angepasst werden können.

Voigt: Strukturelle Einbrüche müssen bekämpft werden. Dabei ist es aber wichtig, dass Einzellösungen von Landkreis zu Landkreis und von Bundesland zu Bundesland vermieden werden. Denn das führt zu Wettbewerbsverzerrung. Außerdem beklagen viele Unternehmen bürokratische Hürden, die eigentlich schon seit Jahren abgebaut sein sollten. Ich denke etwa an Meldepflichten aus bestehenden und neuen Verordnungen, die in der Masse schwer überschaubar sind.

Wie blicken die Unternehmer im Landkreis in die Zukunft?

Voigt: Wir wissen aus Umfragen aber auch aus vielen Einzelgesprächen mit der Unternehmerschaft: Die Unsicherheit ist groß. Vier von fünf Unternehmern befürchten Umsatzeinbußen für das laufende Jahr.

Böhm: Das bemerken wir auch am Wirtschaftstelefon der Kreisverwaltung. Die Umsatzeinbußen ziehen eine Kettenreaktion nach sich. Weniger Umsatz führt am Ende zu weniger Gewerbesteuer. Die kommt bei den Kommunen aber erst im nächsten und übernächsten Jahr an. Die Gemeinden haben dann weniger Geld, beispielsweise um Baumaßnahmen zu veranlassen. Das hat wiederum weniger Aufträge für die Bauwirtschaft zur Folge.

Wie kommen die Unternehmen nun am besten wieder aus der Krise heraus?

Böhm: Unsere Stärke ist das Netzwerken, das müssen wir jetzt voll ausspielen. Jeder bringt seine Kompetenzen ein. Wir müssen nun an der Basis hören, wo der Schuh drückt. Wie können wir mit unkomplizierten Regelungen helfen? Als Landkreis können wir bestimmte Nöte aber auch Vorschläge an das Land und auch den Bund durchstellen, um so auch das Konjunkturpaket, was wir erwarten, so zu schnüren, dass es unseren Unternehmern hilft.

Wie wird sich der Arbeitsmarkt entwickeln?

Böhm: Der Arbeitsmarkt ändert sich gerade sehr stark. Gerade, was das Einstellen von zusätzlichem Personal angeht, sind die Unternehmen sehr vorsichtig. Bei vielen steht noch die Frage im Raum, wie sie wieder aus der Kurzarbeit rauskommen. Außerdem wird sich der Fachkräftebedarf, den wir vor der Krise hatten, nun abschwächen. Aber das muss man auch als Chance sehen und nutzen. Das geht mit entsprechenden Qualifizierungsangeboten und indem ich weitere attraktive Angebote für die Arbeitnehmer schaffe.

Voigt: Die Arbeitsmarktentwicklung hängt von der Geschäftslage in den Firmen ab, denn diese müssen Personal halten oder einstellen können. Die Folgeschäden der Corona-Krise sind derzeit noch unbekannt. Es kommt nicht nur darauf an, welche Unterstützung die Unternehmen bekommen, sondern die Rahmenbedingungen müssen stimmen – regional, national und global: Was wird aus den Lieferketten? Wie geht es auf den europäischen Märkten weiter?

Sie haben die Weltwirtschaft angesprochen. Die Pandemie lähmt ja die Wirtschaft aller Länder. Wie wirkt sich das auf den Burgenlandkreis aus?

Voigt: Eine Prognose ist schwierig. Uns sind bisher noch keine großen Exporteinbrüche im Burgenlandkreis bekannt. In der Finanzkrise 2009 war uns zugute gekommen, dass wir hier nicht die großen Konzerne haben, sondern eine eher kleinteilige Wirtschaft, die in manchen Situationen flexibler reagieren kann.

Böhm: In der Finanzkrise 2009 sind wir als mittelständisch geprägte Region wirklich mit einem blauen Auge davongekommen. Und der Export ist im Burgenlandkreis sowieso überschaubar. Da ist diese Schwäche vielleicht sogar ein Vorteil.

Noch eine Empfehlung an die Unternehmer im Landkreis?

Böhm: Wir hoffen auf ihren Unternehmergeist. Und der ist auf jeden Fall spürbar. Es ist erfrischend, was die Unternehmer jeden Tag aufs Neue für Ideen entwickeln. Beispielsweise werden ja bei uns im Kreis nun Desinfektionsmittel und künftig auch Schutzmasken produziert.

Voigt: Nicht nur die Unternehmer brauchen jetzt Optimismus, um das Beste aus der Situation zu machen. Den haben die meisten, da bin ich zuversichtlich. Gehen wir es gemeinsam an und überzeugen zum Beispiel viele Touristen im Sommer davon, wie schön es an Saale und Unstrut ist. (mz)