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Aimé Césaire, ein Haupteinfluss von Mbembe, wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 2008

Quelle: REUTERS

Nationalsozialismus als Spielart des Kolonialismus

In der Affäre um Achille Mbembe prallen Weltbilder aufeinander. Seine Unterstützer bezeichnen den Nationalsozialismus als Spielart des Kolonialismus. Die Idee scheint verrückt, hat aber eine lange Geschichte. Sie geht auf Aimé Césaire zurück, den Begründer des Postkolonialismus.

Die Debatte um den afrikanischen Denker Achille Mbembe, der den Israel-Boykott unterstützt und die Art, wie Israel mit den Palästinensern umgeht, für schlimmer hält als die Apartheid in Südafrika, wird immer unübersichtlicher. Zuletzt erschien eine Petition, unterzeichnet von Hunderten afrikanischer Intellektueller, die in der Forderung gipfelt, den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung zu entlassen. Sie bringt dafür erstaunliche Argumente an. Ihre Logik scheint einem Paralleluniversum zu entstammen.

Zum Beispiel ist die Rede vom „Kolonialismus und seinen historischen Spielarten – einschließlich Hitlerismus und Nationalsozialismus“. Derlei Denkmuster durchziehen den Text mit verblüffender Selbstverständlichkeit.

Auch wenn man ihnen entschieden widerspricht, lohnt die Auseinandersetzung mit ihren Wurzeln. Eine davon ist Aimé Césaires „Rede über den Kolonialismus“, ein grundlegender Text des Postkolonialismus, der akademischen Tradition, in der Mbembe steht.

Eine nie gehaltene Rede

Césaire, 1913 auf Martinique geboren und 2008 ebendort gestorben, hat darin viele der Argumente, die uns aktuell heimsuchen, erstmals formuliert. Teils stehen sie in marxistischer Tradition, wenden sich aber scharf von ihr ab, wo sie das Gefühl „europäischer Überlegenheit“ am Werk sehen.

Césaire hat seine „Rede“ nie gehalten, sondern Anfang der Fünfzigerjahre im Auftrag einer rechtsgerichteten Zeitschrift geschrieben, die sich prokoloniale Impulse davon versprach. Es sollte eine herbe Enttäuschung werden.

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Der umstrittene afrikanische Philosoph Achille Mbembe

Quelle: AFP

Césaire, der als Stipendiat in Paris studiert hatte, schrieb als Dichter wie als Philosoph und Politiker. Zum Zeitpunkt der Rede war er seit fünf Jahren Bürgermeister von Fort-de-France, Martiniques Hauptstadt, was er mehr als 50 Jahre lang bleiben sollte.

Seine Rhetorik war an der europäischen Klassik geschult, seine Argumentation stand in aufklärerischer Tradition. Wie Flaubert nutzte er die Mittel des französischen Bürgertums, um ihm den Spiegel vorzuhalten.

Auch Flauberts Ergebnisse sind wenig ersprießlich. Aber wo der Normanne die Unterdrückung der Frau oder die Scheinheiligkeit der Kirche anprangerte, zielte Césaire auf den Skandal des Kolonialismus, auf die Gräuel, über viele Jahrhunderte begangen im Namen der Zivilisation – eine Idee, die Césaire achtet, aber eben noch nicht verwirklicht sieht, besonders nicht in Europa.

Er schreibt: „Worauf ich hinauswill? Auf folgenden Gedanken: dass niemand schuldlos kolonisiert, dass auch niemand ungestraft kolonisiert; dass eine Nation, die kolonisiert, dass eine Zivilisation, welche die Kolonisation – also die Gewalt – rechtfertigt, bereits eine kranke Zivilisation ist, die zwangsläufig von Konsequenz zur Konsequenz und von Verleugnung zu Verleugnung, nach ihrem Hitler, d. h. nach ihrer Bestrafung ruft.“

So kommt ein Meme in die Welt, der Gedanke vom Faschismus als europäischer Wiedergeburt des Kolonialismus. Er ist der untergründige Dreh- und Angelpunkt des Streits. Die afrikanischen Unterstützer Mbembes setzen ihn so selbstverständlich voraus, wie er den Europäern hanebüchen erscheint.


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