Kapitalmärkte

Furcht vor Coronavirus: Märkte senden Rezessionssignale

Zyklische Rohstoffe wie Öl und Kupfer geraten wegen des Coronavirus unter Druck. Auch der US-Anleihemarkt ist erstmals seit Oktober 2019 wieder im Krisenmodus.

by
https://www.handelsblatt.com/images/vorsichtsmassnahmen-am-frankfurter-flughafen/25496216/3-format2020.jpg
Vorsichtsmaßnahmen am Frankfurter Flughafen

An den Märkten wächst die Sorge vor einem Abschwung der Weltkonjunktur.(Foto: AFP)

Frankfurt. Die rasante Ausbreitung des Coronavirus in China schürt an den Finanzmärkten neue Sorgen vor einem globalen Abschwung. So herrscht an den Rohstoffmärkten seit zwei Wochen Ausverkaufsstimmung bei konjunktursensiblen Rohstoffen.

Der wichtigste Referenzpreis für Öl, die Nordseesorte Brent, ist zuletzt deutlich unter die Marke von 58 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter) gefallen. Auf Jahressicht liegt Brentöl elf Prozent im Minus. Kupfer hat sich seit Mitte Januar ebenfalls rund elf Prozent verbilligt und kostet mit 5600 Dollar pro Tonne so wenig wie zuletzt im Juni 2017. Auch andere Industriemetalle wie Aluminium oder Nickel sind deutlich unter Druck geraten.

Auch wenn die Aussagekraft des Kupferpreises als Frühindikator für die Weltwirtschaft umstritten ist, sehen Marktbeobachter in dem Rückgang der Rohstoffpreise ein Signal, dass die chinesische Wirtschaft stark unter den Maßnahmen der Regierung im Kampf gegen das Virus leidet. Die Ökonomen der Bank ING erwarten, dass die Reisebeschränkungen und die Quarantäne für Millionenstädte wie Wuhan deutliche Spuren im ersten Quartal 2020 hinterlassen werden.

Die Industrieproduktion werde in die Rezession rutschen, statt sechs Prozent werde die chinesische Volkswirtschaft im ersten Jahresviertel nur noch um 5,6 Prozent wachsen – und das nur unter der Voraussetzung, dass die Regierung das Virus bald eindämmen kann.

Für die Rohstoffmärkte sind dies Hiobsbotschaften, denn China ist der wichtigste Abnehmer: Dem Analysehaus BCA Research zufolge entfallen knapp 14 Prozent des weltweiten Ölkonsums auf China. Die chinesische Volkswirtschaft vereint zudem fast die Hälfte des Konsums von Stahl, 53 Prozent des Kupferkonsums sowie 64 Prozent der globalen Eisenerzimporte auf sich.

Gestiegene Abhängigkeit

Gegenüber 2002, als das Sarsvirus ausbrach, ist die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von China deutlich gestiegen. BCA Research zufolge hat sich der Anteil Chinas am globalen Ölverbrauch verdoppelt, der Anteil am Kupferabsatz nahezu verdreifacht und der Anteil am Nickelverbrauch verachtfacht.

Kein Wunder also, dass auch das Ölförderkartell Opec beunruhigt auf die Viruskrise reagiert. Die Exportländer um Saudi-Arabien und das verbündete Russland sahen in der Vergangenheit Handlungsbedarf, sobald der Ölpreis unter 60 Dollar pro Barrel fiel. Nun erwägt die Opec Medienberichten zufolge, ein für Anfang März anberaumtes Treffen in Wien vorzuziehen.

Bereits Anfang Februar könnten die Opec-Staaten und die verbündeten Ölexporteure de Opec+-Allianz neue Produktionskürzungen beschließen, um ein Überangebot am Markt zu verhindern und den Ölpreis zu stabilisieren. Aus Sicht der Rohstoffstrategen der Commerzbank begeht das Ölkartell damit einen taktischen Fehler: „Dies könnte am Markt auch als Panikreaktion aufgefasst werden und damit das Gegenteil bewirken.“

Mehr zum Thema:

Michael Salden, Portfoliomanager und Ölexperte bei Vontobel, hält die Preiskorrektur am Ölmarkt dennoch für übertrieben. „Die Ölnachfrage steigt wieder, sobald das Virus eingedämmt ist.“ Die Auswirkungen des Coronavirus hält er daher für gering. Stattdessen blende der Markt Angebotsausfälle etwa in Libyen aus. „Der diesjährige Ausverkauf bei Öl erscheint übertrieben angesichts der leichten Korrektur an den Aktienmärkten.“

Während etwa die Börse in Hongkong deutlich unter dem Coronavirus gelitten hat, halten sich die Verluste bei den Aktienindizes in den USA und Europa noch in Grenzen. Doch inzwischen deuten weitere vielbeachtete Rezessionssignale auf einen Abschwung hin: Die Nachfrage nach sicheren Anlagen wie US-Staatsanleihen haben die Preise dieser sicheren Häfen in die Höhe getrieben. Im Gegenzug fiel die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 1,56 Prozent.

Erste Rezessionssignale

Was die Sorgen noch verschärft: Der Fall der langfristigen US-Renditen hat dazu geführt, dass sich Teile der Zinskurve erneut umgekehrt haben. Die Zinskurve bezeichnet die Renditen für US-Staatsanleihen über verschiedene Laufzeiten. Üblicherweise liegen die Renditen für länger laufende Papiere über den Renditen für kurzfristige Anleihen.

Doch im US-Handel am Donnerstag fielen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen kurzzeitig unter die Renditen von Papieren mit dreimonatiger Laufzeit – erstmals seit Oktober 2019. Eine solche Konstellation bezeichnen Experten als inverse Zinskurve. Sie gilt als verlässliches Rezessionssignal, die US-Notenbank Fed schenkt der Dreimonats-/Zehnjahreskurve besonders große Aufmerksamkeit.

Daher erwarten die Märkte, dass die Fed schon bald die Leitzinsen weiter senken könnte, um die Gefahr einer Rezession zu verringern. Im Schnitt erwarten die Investoren ein bis zwei Zinsschnitte im Umfang von 0,25 Prozentpunkten.

Was viele Geldmanager jedoch hoffen lässt: In der Vergangenheit haben sich Marktkorrekturen, die durch Pandemien ausgelöst wurden, als kurzlebig herausgestellt – und zudem eine Erholungsrally ausgelöst, sobald das Virus eingedämmt war. So sagt Dave Lafferty, Marktstratege beim Vermögensverwalter Natixis: „Der größte Teil des ökonomischen Schadens rührt von Konsum her, der verschoben wurde.“ Daher bestehe die Chance von Nachholeffekten. Lafferty ist überzeugt: „Bislang sieht es nicht danach aus, dass der Virusausbruch dem zehn Jahre währenden Bullenmarkt den entscheidenden Stoß versetzt.“

Mehr: Lufthansa, Ikea, McDonalds: Wie Unternehmen auf die Corona-Krise reagieren.